IR Notes

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IR Notes 164 – In Porto: Beschwörungen eines sozialen Europas

  IR Notes 164 – 19 Mai 2021
www.irshare.eu
 
 
  Eine Frage an …
Fanny Högrell, Gewerkschaftssekretärin bei IF Metall, zuständig für Gender und Gleichstellung

Die schwedische Industriegewerkschaft IF Metall, die 300.000 Mitglieder zählt, hat ihre jährliche Kampagne für Frauenrechte gestartet. In diesem Jahr geht es um menstruationsfreundliche Arbeitsplätze. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?
2014 erklärte sich unsere Gewerkschaft zur „feministischen Gewerkschaft“. Denn wir waren zu dem Schluss gekommen, dass Gleichbehandlung keine Frage der Haltung ist, sondern eine Frage von Wissen und Bildung. Seit unserem Kongress 2017 starten wir jedes Jahr am 8. Mai eine Kampagne zur Förderung von Frauenrechten. 2019 ging es um die Doppelbelastung von Frauen durch Beruf und Familie. 2020 führten wir aktive Maßnahmen durch, d. h. Präventiv- und Fördermaßnahmen zur Verhinderung von Diskriminierung. Dieses Jahr haben wir eine Kampagne gestartet, um mit Unterstützung der Organisation Mensen den Arbeitsplatz menstruationsfreundlicher zu gestalten (s. Interview mit Klara Rydström in IR Notes 131). Bei einer Umfrage unter unseren Mitgliedern haben wir festgestellt, dass sich in den letzten zwei Jahren jede dritte Frau aufgrund ihrer Menstruation krankschreiben lassen musste, jede dritte Frau am Arbeitsplatz mit beleidigenden Äußerungen in Bezug auf Menstruation konfrontiert war und jede zehnte Frau keine Möglichkeit hat, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, um ihre Menstruationsprodukte zu wechseln. Bei der Gleichbehandlung von Frauen und Männern mag Schweden zwar weltweit zu den fortschrittlichsten Ländern gehören, doch diese Umfrage legt das Fortbestehen einer Ungleichheit offen, die sich auf die Arbeitsbedingungen von Frauen auswirkt und nachteilige Folgen für die Bewertung ihrer Arbeit und damit ihrer beruflichen Laufbahn haben kann. Der Vergleich mit anderen Ländern, vor allem in Asien, zeigt, dass es auf diesem Gebiet noch viel zu tun gibt – wir müssen die Debatte eröffnen und Aktionen durchführen. Neben der Umfrage haben wir ein Webinar mit Arbeitgebervertretern veranstaltet und an den Arbeitsstätten Flyer und Plakate verteilt, die fünf Maßnahmen nennen: 1. Die Arbeit sollte so organisiert sein, dass Pausen möglich sind, um zur Toilette zu gehen und einen Ruheraum aufzusuchen, um sich dort hinzulegen; 2. Toilettenräume sollten mit Hygieneabfallbehältern, Waschbecken und Menstruationsprodukten ausgestattet sein; 3. Es muss mehr über Menstruation und ihre Begleiterscheinungen informiert werden – unter Einbeziehung der männlichen Mitarbeitenden; 4. am Arbeitsplatz sollte ein offener Dialog geführt werden, damit Frauen, die krank sind – egal, ob sie erkältet sind oder Menstruationsbeschwerden haben -, einen Tag zuhause bleiben können, ohne sich gegenüber ihren Mitarbeitenden schuldig zu fühlen; 5. Das Thema Menstruation sollte in die Strategie für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz aufgenommen werden. Dieses Material wurde an alle Unternehmen versandt, und die Medien haben ausführlich über die Kampagne berichtet. Wichtig ist, dass alle Maßnahmen zusammen mit den Arbeitgebern durchgeführt werden, sei es in den Betrieben oder auf Branchenebene! Die auf ein Jahr angelegte Kampagne beginnt Früchte zu tragen: Meritor, ein Zulieferer der Automobilindustrie, stellt inzwischen Menstruationsprodukte kostenlos zur Verfügung.

 
  Agenda

 


20. Mai
Online

Konferenz, ausgerichtet vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut, mit dem Titel: „Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Wachstum und Wohlfahrtsstaaten“ (auf Englisch) mit Anke Hassel und Bruno Palier, die ihr neuestes Buch vorstellen..



21. Mai
Online

Webinar
, 10.00 – 11.30 Uhr, der Gruppe Arbeitnehmer des Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) zum Vorschlag der Richtlinie über angemessene Mindestlöhne, mit EU-Kommissar Nicolas Schmit, den Berichterstattern des Europäischen Parlaments Agnes Jongerius (S & D) und Dennis Radkte (EVP), dem Vorsitzenden der Gruppe Arbeitnehmer Oliver Röpke, und Cinzia Del Rio, Mitglied des EWSA und Mitberichterstatterin der Stellungnahme zum Vorschlag der Richtlinie.


24. Mai – 27. Juli
Online
Das Europäische Gewerkschaftsinstitut (ETUI) organisiert ein kostenloses Webinar für Mitglieder oder künftige Mitglieder von Eurobetriebsräten zum Thema „Europäische Betriebsräte – die Spielregeln“ (The rules of the game): 12 Stunden Schulung, aufgeteilt in jeweils 2 Stunden pro Woche. Vom 17. Mai bis 25. Juli für die französische Version (3. Ausgabe) und vom 24. Mai bis 2. Juli für die spanische Version (2. Ausgabe).


26. – 28. Mai
Online
Das Europäische Gewerkschaftsinstitut (ETUI) organisiert ein kostenloses Webinar zum grünen sozialen Dialog (Green social dialogue). Diese Schulung untersucht die Rolle der Tarifverhandlungen und des sozialen Dialogs angesichts des Klimawandels und nachhaltiger Entwicklung mit Schwerpunkt auf „Umweltklauseln“, die in Tarifverträgen aufzunehmen sind.


1. und 2. Juni
Online
3. Kongress von IndustriAll Europe.


2. Juni
Ljubljana

Das von der EU finanzierte Netz MoveS (Arbeitnehmerfreizügigkeit und Koordinierung der sozialen Sicherheit) organisiert ein Seminar zum Thema: „Die Zukunft der Koordinierung der sozialen Sicherheit in der EU“ mit drei Schwerpunkthemen: Grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung, Langzeitpflege und Arbeitslosenleistungen.


10. Juni
Online

EWPCC Konferenz 2021 zur Rolle der EBR und SE-BR bei der Erörterung der Unternehmensstrategien zur Bewältigung der Herausforderungen durch Covid in den Bereichen Gesundheit, Beschäftigung und Organisation der Arbeit.


11. Juni
Online

Seminar des Netzwerkes MoveS, organisiert von den französischen Mitgliedern, zum Thema „L’impact de la crise Covid-19 sur la libre circulation des travailleurs : Réflexion sur les catégories émergentes and leur pouvoir de transformation‟ [Auswirkungen der Covid-19-Krise auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit: Überlegungen zu neuen Kategorien und deren Potenzial für Veränderung] mit Schwerpunkt auf grenzüberschreitender Telearbeit (Programm noch nicht online).


14. und 15. Juni
Luxemburg
Tagung des Rats “Beschäftigung und Soziale Angelegenheiten”

 
  Europäisches Wörterbuch der Arbeitsbeziehungen

Wenn Sie die Inhalte von IR Notes vertiefen wollen, stellen wir Ihnen gerne die Links zum Europäischen Wörterbuch der Arbeitsbeziehungen zur Verfügung, das von Eurofound veröffentlicht und regelmäßig von IR Share, dem Herausgeber von IR Notes, aktualisiert wird. Das Wörterbuch ist auf English, doch die Definitionen der Begriffe lassen sich mit Online-Übersetzungstools leicht übersetzen.

 
  Über uns

 


IR Notes erscheint alle 14 Tage in mehreren europäischen Sprachen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Spaniasch) wird von IR Share und seinem Expertennetzwerk herausgebracht. Dieser Newsletter bietet ein europaweites Monitoring zu Arbeitsrecht, Arbeitsbeziehungen und Beschäftigungspolitik. Er kann für einen Betrag von monatlich 18,00 Euro zzgl. MwSt. auf der IR Share-Website abonniert werden


Das Team: Diese Ausgabe wurde erstellt bei Pascale Turlan und Frédéric Turlan.
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Impressum. Herausgeber: IR Share SARL – 5, Les Compères – 89520 Fontenoy – Frankreich – Tel.: +33 (0)6 81 41 53 95 –  Stammkapital 1.500 Euro – Handelsregister-Nr. (RCS Auxerre): 512 567 959. Verantwortlicher für die Veröffentlichung: Frédéric Turlan. Hosting: Ideal prod – 14 rue  Auguste Morel – 89100 Sens – Frankreich – Tel.: + 33 (0)3 86 83 21 21. CPPAP Nr.: 0621 Z 93933.

 

IR Share ist ein unabhängiges und nicht parteigebundenes Privatunternehmen, das alle Akteure des sozialen Dialogs in Europa und darüber hinaus informieren und unterstützen will. IR Share stellt seit 2009 die Frankreich Korrespondenten der Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen.

 

In den Schlagzeilen
In Porto: Beschwörungen eines sozialen Europas

Am 8. Mai nahmen die Staats- und Regierungschefs der EU-27 in Porto die „Erklärung von Porto‟ an, in der sie ihre Zusicherung bekräftigten, „auf ein soziales Europa hinzuarbeiten“. Allerdings dauerte es eine Weile, bis gewisse nordische Länder bereit waren, den Ausdruck „soziales Europa“ zu akzeptieren. Denn sie befürchten nach wie vor, dass die EU ihr Sozialmodell ändern will und bevorzugen die Bezeichnung „Kontinent des sozialen Zusammenhalts und des Wohlstands“. Schließlich wurden beide Konzepte in die Erklärung aufgenommen. So funktioniert Europa: Kompromisse zwischen den 27 Mitgliedstaaten müssen mühsam erarbeitet werden. So wurde der Begriff „Geschlechtergleichstellung“ fallengelassen, an dem sich Ungarn und Polen störten. Was lässt sich von diesem Gipfel mitnehmen? Zunächst einmal hat die EU zum ersten Mal seit über 20 Jahren ihre soziale Dimension bekräftigt. Die Vertreter der Mitgliedstaaten verweisen darauf, dass die „soziale Dimension, der soziale Dialog und die aktive Einbeziehung der Sozialpartner […] schon immer im Mittelpunkt einer in hohem Maße wettbewerbsfähigen sozialen Marktwirtschaft [standen]“. Die Siebenundzwanzig billigten die soziale Komponente der neuen EU-Strategie, die aus dem Aufbauplan und dem „grünen Plan“ besteht. Konkret haben die 27 Mitgliedstaaten einerseits den von der EU-Kommission vorgestellten Plan zur Umsetzung der europäischen Säule sozialer Rechte genehmigt (s. IR Notes 159) und die drei Kernziele für 2030 gebilligt: 1. Mindestens 78 % der 20- bis 64-Jährigen sollen einer Beschäftigung nachgehen; 2. Mindestens 60 % aller Erwachsenen sollen jedes Jahr an einer Weiterbildungsmaßnahme teilnehmen; und 3. Die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen soll um mindestens 15 Millionen verringert werden. Die Fortschritte der Mitgliedstaaten im Hinblick auf diese Ziele werden jedes Jahr „als Teil des Prozesses der Koordinierung der Maßnahmen im Rahmen des Europäischen Semesters“ gemessen und „genau“ beobachtet, „- auch auf höchster Ebene“. Diese sozialen Verpflichtungen stellen ein „grundlegendes Element der Erholung“ dar, die einen „digitalen, grünen und fairen Übergang“ gewährleisten soll.
Auch wenn keine konkrete Ankündigung erwartet wurde, betonten die 27 EU-Mitgliedstaaten die Bedeutung der Texte, die derzeit diskutiert oder vorbereitet werden, wie die über „Veränderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung, der künstlichen Intelligenz, der Telearbeit und der Plattformwirtschaft […] im Hinblick auf die Stärkung der Arbeitnehmerrechte, der Systeme der sozialen Sicherheit sowie der Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz“. Andererseits verbergen sie ihre Unstimmigkeiten und nennen weder ausdrücklich den Vorschlag der Richtlinie über angemessene Mindestlöhne, auch wenn sie behaupten, sich für „die Verteidigung einer gerechten Entlohnung“ einsetzen zu wollen, noch den über finanzielle Transparenz – auch wenn sie aktiv darauf hinarbeiten wollen, „die geschlechtsbedingten Beschäftigungs-, Verdienst- und Rentengefälle zu beseitigen“. Und schließlich begrüßen sie, „dass die europäischen Sozialpartner einen gemeinsamen Vorschlag für eine Reihe alternativer Indikatoren zur Messung der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Fortschritte, die das BIP als Wohlstandsindikator für integratives und nachhaltiges Wachstum ergänzen sollen, vorgelegt haben“.


1. Europäische Union
Aktuelle soziale Themen

Die Verpflichtungen von Porto : In ihren am 7. Mai in Porto angenommenen sozialen Verpflichtungen fordern Vertreter der europäischen Institutionen, Sozialpartner und Vertreter der Zivilgesellschaft die EU auf, „so lange wie erforderlich die Notmaßnahmen aufrechtzuerhalten und gleichzeitig einen strategischen Ansatz zu fördern, um die Schaffung neuer hochwertiger Arbeitsplätze und den Übergang von einer Beschäftigung zur anderen zu erleichtern“ (s. Pressemitteilung). Weiterhin vereinbarten sie, den „autonomen sozialen Dialog als eine strukturgebende Komponente des europäischen Sozialmodells zu fördern und ihn auf europäischer, nationaler, regionaler, sektoraler und Unternehmensebene zu stärken, mit besonderem Fokus auf der Gewährleistung eines geeigneten Rahmens für Tarifverhandlungen innerhalb der verschiedenen Modelle, die in den Mitgliedstaaten existieren“. Dieser Gipfel sollte das Wiedererstarken der Tarifverhandlungen markieren. EU-Kommissar für Beschäftigung und soziale Rechte Nicolas Schmit betonte in seiner Schlussrede, die EU wolle „als goldene Regel auf unseren Arbeitsmärkten“ den Sozialdialog stärken und Tarifverhandlungen fördern.



  • Individuelle Lernkonten : Am 28. April hat die EU-Kommission alle europäischen Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, sich bis zum 16. Juli an einer offenen Konsultation zu beteiligen. Es geht um das Vorhaben, durch individuelle Lernkonten die beiden großen Herausforderungen der EU zu bewältigen: Zum einen die enormen Veränderungen bei den Kompetenzen aufgrund des zweifachen Wandels – digitaler Übergang und Klimawandel – und zum anderen die Notwendigkeit, atypischen Arbeitskräften wie Zeitarbeitenden oder Plattform-Beschäftigten der Zugang zu Ausbildungsmöglichkeiten zu erleichtern. Diese Konsultation wird in einen künftigen Vorschlag für eine Empfehlung des Rats zu individuellen Lernkonten einfließen, wobei die Kommission den Vorschlag Ende des Jahres vorlegen will.
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    Siehe auch: Studie des Jacques Delors Instituts über das Vorhaben zur Einrichtung individueller Lernkonten in Europa, „die nicht nur die Übertragung der Ansprüche bei einem beruflichen Wechsel oder einer Statusänderung sicherstellen würden, sondern auch von einem Land zum anderen“.


Aktualisierung der Industriestrategie : Die Europäische Kommission hat am 5. Mai die aktualisierte Industriestrategie der EU in Form einer Mitteilung (auf Englisch) vorgestellt sowie einen Vorschlag für eine Verordnung in Bezug auf drittstaatliche Subventionen, die im Binnenmarkt Verzerrungen verursachen (auf Englisch) und dessen Folgenabschätzung (s. Pressemitteilung). Ferner veröffentlichte sie den jährlichen Binnenmarktbericht 2021, eine Analyse der strategischen Abhängigkeiten und Kapazitäten Europas sowie ein Papier über wettbewerbsfähigen und sauberen europäischen Stahl (s. Pressemitteilung und Fragen und Antworten). Der europäische Gewerkschaftsverband IndustriAll Europe begrüßt es, dass seine wiederholten Warnungen vor einer Deindustrialisierung endlich Gehör finden. Jetzt „ist es entscheidend, dass die europäischen Regierungen und die EU den strategischen Abhängigkeiten durch Reindustrialisierung, eine Kreislaufwirtschaft und handelspolitische Maßnahmen entschlossen entgegentreten“. Der Gewerkschaftsverband befürwortet die angekündigten Maßnahmen „zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs durch Subventionen von Nicht-EU-Ländern“ und ruft zu einem „aktiven sozialen Dialog auf allen Ebenen“ auf. „Der soziale Dialog und die Beteiligung der Arbeitskräfte sind – von zahlreichen Mitgliedstaaten unzureichend anerkannte – wesentliche Instrumente, die von den EU-Institutionen gefördert und gestärkt werden müssen“, so der Verband (s. Pressemitteilung von IndustriAll Europe). Auf Arbeitgeberseite begrüßte Ceemet diese Initiative (s. Pressemitteilung).



  • EGF-Mittel: Die EU-Kommission hat am 6. Mai vorgeschlagen, ehemalige Arbeitskräfte von KLM (1.200 Personen) in den Niederlanden und von Finnair in Finnland (500 Personen), die ihren Arbeitsplatz aufgrund der Auswirkungen der COVID-19-Krise auf den Passagierluftverkehr verloren haben, mit 6,8 Mio. Euro aus dem Europäischen Fonds für die Anpassung an die Globalisierung zu unterstützen (s. Pressemitteilung).

  • Konferenz zur Zukunft Europas: Am 9. Mai fand in Straßburg die Eröffnungsveranstaltung der Konferenz zur Zukunft Europas statt (s. Pressemitteilung), zusammen mit der Verabschiedung der Geschäftsordnung, die die Zusammensetzung des Plenums der Konferenz und dessen Arbeitsweise festlegt (s. Pressemitteilung). Eine digitale Plattform wurde eingerichtet, um Bürgern die Gelegenheit zu geben, „sich Gehör zu verschaffen und mitzuteilen, in welchem Europa“ sie leben möchten, „um so unsere Zukunft mitzugestalten“. Zu den ausgewählten Themen gehören auch „soziale Gerechtigkeit und Beschäftigung“. Über die Plattform können Teilnehmende Ideen austauschen, an einer Veranstaltung teilnehmen oder auch eine Veranstaltung ausrichten.

  • Arbeitgeberfront gegen Mindestlohn: Zehn sektorale europäische Arbeitgeberorganisationen haben am 5. Mai eine gemeinsame Position angenommen und fordern die Europäische Kommission auf, ihren Vorschlag für eine Richtlinie über angemessene Mindestlöhne zu überdenken. Denn mit ihrem Wunsch, die Tarifverhandlungen zu stärken, untergrabe die Kommission die Autonomie der Sozialpartner. Eine (unverbindliche) Empfehlung sei angemessener als eine Richtlinie und werde der Zuständigkeit der Mitgliedstaaten eher gerecht, die allein befugt sind, über Vergütungsfragen zu entscheiden.


2. Mitgliedstaaten
Spanien

Beschäftigtenstatus passt sich Algorithmen an : Die königliche Gesetzesverordnung 9 vom 11. Mai 2021 zur Änderung des Beschäftigtenstatus besteht nur aus zwei Artikeln, führt jedoch wichtige Neuerungen ein: 1. Sie enthält eine Bestimmung, die alle Beschäftigten betrifft: Die Arbeitgeber müssen sie über „die Parameter, Regeln und Befehle informieren, auf denen die Algorithmen oder KI-Systeme basieren, die solche Entscheidungsprozesse betreffen, die sich auf die Arbeitsbedingungen, den Zugang zu und den Verbleib in Beschäftigungsverhältnissen, einschließlich Profiling, auswirken können‟.  Ein wichtiger Schritt in Richtung der notwendigen Transparenz beim Einsatz von KI, aber immer noch nicht ausreichend. In der Bestimmung wird beispielsweise nicht festgelegt, wie das Unternehmen die Ergebnisse des KI-Systems verwendet oder welches Gewicht die einzelnen Parameter in einem Algorithmus haben. 2. Gemäß der Vereinbarung zwischen der Regierung und den Sozialpartnern vom 10. März führt die Verordnung die Vermutung ein, dass bei allen Personen von einer unselbständigen Erwerbstätigkeit auszugehen ist, die vergütete Dienstleistungen erbringen, indem sie Konsumgüter oder Waren ausliefern, und zwar für Arbeitgeber, die ihre Befugnisse zur Organisation, Verwaltung und Kontrolle ihres Unternehmens mittelbar, unmittelbar oder implizit per algorithmischer Verwaltung der Dienstleistung oder der Arbeitsbedingungen über eine digitale Plattform ausüben.


Frankreich

Gesetzesvorhaben für den Kampf gegen den Klimawandel : In erster Lesung haben die Abgeordneten einen Gesetzentwurf für den Kampf gegen den Klimawandel angenommen, der wegen seiner wenig ambitionierten neuen Ziele in Bezug auf die Verringerung von Treibhausgasemissionen stark kritisiert wird. Der Text enthält jedoch interessante soziale Bestimmungen, die von den Abgeordneten verstärkt wurden. So sollen die Befugnisse des Wirtschafts- und Sozialausschusses (vormals „Betriebsrat‟) erweitert und sich nun auch auf umweltrelevante Folgen von Entscheidungen des Arbeitsgebers erstrecken, die sich auf die Geschäftsführung und die wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung des Unternehmens beziehen. Zu den Informationen, die der Arbeitgeber den Arbeitnehmervertretern in der Datenbank zur Verfügung stellen muss, sollen neben den aktuellen Wirtschafts- und Sozialdaten auch die Daten über die Umweltfolgen der Geschäftstätigkeit des Unternehmens gehören. Die Aufgaben der Steuerberatung, die der Betriebsrat in Anspruch nehmen kann, sollen ebenfalls auf die Umweltdaten ausgeweitet werden, die zum Verständnis der strategischen Ausrichtung des Unternehmens, seiner Sozialpolitik und Arbeitsbedingungen und Beschäftigung erforderlich sind. Die derzeitige wirtschaftliche, soziale und gewerkschaftliche Ausbildung für Beschäftigte, die ein Gewerkschaftsmandat ausüben, soll künftig auch Umweltfragen beinhalten.
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Weitere Informationen zur Gesetzesvorlage: Gesetzgebungsdossier der Nationalversammlung.



4. Drittländer
Vereinigtes Königreich

Qualifikationen lebenslang und flexible Arbeitsregelung : Dans le discours de la Reine, la souveraine des Britanniques a annoncé, le 11 mai, une législation visant à garantir les compétences tout au long de la vie afin de permettre un accès flexible à une éducation et une formation de haute qualité tout au long de la vie. Le projet de loi (Skills and post-16 Education Bill) a été soumis au Parlement, le 18 mai (v. communiqué). Le texte entend créer davantage de voies d’accès à des emplois qualifiés dans des secteurs dont l’économie a besoin (ingénierie, numérique, énergie propre…). Il impose aux employeurs et aux établissements d’enseignement supérieur de collaborer à mettre en place des plans de compétences « afin que l’offre de formation réponde aux besoins des zones locales et que les gens ne soient plus obligés de quitter leur ville pour trouver un bon emploi ». En revanche, aucune annonce n’a été faîte en faveur d’une législation en matière de droit du travail et en particulier du droit au travail flexible. La confédération syndicale TUC  « s’inquiète du fait que le gouvernement ne partage pas le même sentiment d’urgence » pour mettre en place d’un dispositif en faveur du travail flexible, « étant donné que les politiques et pratiques des employeurs sont susceptibles de changer considérablement à la suite de la pandémie » (v. communiqué).


4. Unternehmen

Grundrechte : Der Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten des Europäischen Parlaments kündigte an, am 27. Mai eine öffentliche Anhörung zu veranstalten mit dem Titel: „Amazons Angriff auf Grundrechte und Grundfreiheiten von Arbeitskräften: Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sowie Recht auf Kollektivverhandlungen und Kollektivmaßnahmen“. Den Vorsitz führt Ausschussvorsitzende Lucia Duris Nicholsonova. Untersucht werden sollen auch Informationen, die von mehreren Medien aufgedeckt wurden, wonach Amazon seine Beschäftigten überwache, sowie weitere Praktiken des Konzerns, die gegen das europäische Arbeitsrecht, die europäischen Datenschutzvorschriften und das europäische Recht auf Achtung der Privatsphäre verstoßen (s. auch die Pressemitteilung von UNI Europa).


5. Studien und Berichte

„Vulkanartiger Ausbruch“ des sektoralen sozialen Dialogs : Seit seiner Einführung Ende der 1970er-Jahre ist der sektorale soziale Dialog in Europa noch nie so aktiv gewesen wie in 2020 als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie. Dies ist eine der quantitativen Aussagen der Studie von Christophe Degryse, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter der Gruppe für prospektive Analysen beim Europäischen Gewerkschaftsinstitut. „Noch nie hat ein Thema zu so vielen Diskussionen und paritätischen Verhandlungen in Europa geführt“, so der Autor. „Im Gegensatz zur Krise 2008“, führt er weiter aus, „zeigt die durch Covid-19 verursachte Krise die zentrale Rolle des sozialen Dialogs, guter Arbeitsbedingungen und beschäftigungswirksamer Maßnahmen“. Ferner wird „die Bedeutung des sozialen Dialogs, der Unterrichtung und Anhörung von Beschäftigten sowie der Ausbildung von allen Sektoren hervorgehoben“. Keine von den europäischen Institutionen und den Sozialpartnern organisierte Konferenz „wäre in der Lage gewesen, den europäischen sozialen Dialog so stark wiederzubeleben“, wie es die Pandemie geschafft hat. Auch wenn „der Nutzen eines inklusiven sozialen Dialogs auf sektoraler Ebene“ bei der Bewältigung der aktuellen Krise auf der Hand liegt, so müssen die Sozialpartner noch eine „letzte Prüfung“ bestehen und ihren Nutzen beweisen, indem sie „den sozialen Dialog und Tarifverhandlungen auf nationaler Ebene anregen und stärken“.



  • Digitale Kompetenzen: Der britische Minister für Digitales, Kultur, Medien und Sport hat eine Studie über den Bedarf an Datenverarbeitungskompetenzen veröffentlicht. „Je weiter die Technologie fortschreitet, desto sprunghafter wächst der Bedarf an digitalen Kompetenzen“, heißt es dort. Der Bericht liefert darüber hinaus eine quantitative Bewertung des Missverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage in diesem Bereich und empfiehlt Maßnahmen auf regionaler und sektoraler Ebene. So wurden Interviews mit 1.045 britischen Unternehmen, 5.000 Beschäftigten und 1.000 Studenten geführt, um den spezifischen Bedarf an digitalen Kompetenzen im Hinblick auf die Größe der Unternehmen und Sektoren zu ermitteln sowie die jeweiligen Anforderungen zur Förderung von Aus- und Fortbildung (Zusammenfassung des Berichts und vollständiger Bericht).

 

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