IR Notes

Gemeinsam am Aufbau eines sozialen Europas arbeiten

Eine unabhängige, zuverlässige und unparteiische Informationsquelle zu Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht in Europa.

IR Notes 204 – Bleibt Irland eine Oase für Gesellschaften zur Errichtung von EBR?

  IR Notes 204 – 22 März 2023
www.irshare.eu
 
 
  Eine Frage an …
Volker Nüsse, Gewerkschaftssekretär bei ver.di, Öffentlicher Verkehr, Busse und Bahnen

Am 3. März hat Ihre Gewerkschaft ver.di zusammen mit der Bewegung für Klimagerechtigkeit Fridays for Future einen Tag mit Warnstreiks im öffentlichen Personennahverkehr und Aktionen für eine Verkehrswende organisiert (*). Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Unsere Gewerkschaft hat vor sechs Jahren, also 2017, beschlossen, dass die Tarifverträge für den Nahverkehr, die in den einzelnen Ländern nach unterschiedlichen Zeitplänen ausgehandelt werden, gleichzeitig auslaufen sollten, damit die Neuverhandlung in einem gemeinsamen Zeitraum stattfinden kann. In diesem Zeitraum haben die Gewerkschaften das Recht, Warnstreiks zu organisieren, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Unsere Kampagne zur Synchronisierung der Verhandlungszeiträume fiel mit dem Aufkommen der Bewegung Friday For Future (FFF) in den Jahren 2018-2019 zusammen. Bei gemeinsamen Treffen entstand die Idee, unsere Kräfte zu bündeln. 2020 organisierten wir trotz Pandemie gemeinsame Aktionen in Unternehmen und im öffentlichen Bereich. Beschäftigte nahmen an den von FFF organisierten Klimaaktionstagen teil, während Klimaaktivisten und -aktivistinnen unsere Streikposten unterstützten (**). Wir sehen, dass die Mittel für eine ökologische Verkehrswende nicht ausreichen. Und selbst wenn Investitionen getätigt würden, es fehlt an Personal. Die Beschäftigten gehen in Rente, aber es fehlt der Nachwuchs, weil Bezahlung und Arbeitsbedingungen nicht attraktiv sind. Die Arbeitsbedingungen müssen geändert werden, um das öffentliche Verkehrssystem zu ändern – davon sind wir überzeugt. Die Partnerschaft mit FFF, um gemeinsam Druck auf die Regierung auszuüben, trägt Früchte: Wir gewinnen Mitglieder, und wir haben eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten und Klimabewegung entwickelt. Im März 2023 wurden in rund vierzig Städten gemeinsame Aktionsgruppen gegründet. Wir zeigen, dass soziale Gerechtigkeit und der Kampf gegen den Klimawandel Hand in Hand gehen und das Leben der Menschen durch einen Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs verbessern kann.

> Weitergehende Informationen:
(*) Internetseite für den Aktionstag 3. März, die Pressemitteilung von ver.di und (**) eine 2022 veröffentlichte wissenschaftliche Studie über die ersten gemeinsamen Aktionen „Fahren wir zusammen?“

 
  Agenda

 


22. März
Brüssel
Dreigliedriger Sozialgipfel


29. März
Brüssel
Gemeinsame Konferenz von ELA und Eurofound: „Wo gibt es Arbeitskräftemangel, wo sind die Arbeitskräfte?“


25. April
Wien
Abschlusskonferenz eines europäischen Projekts der Sozialpartner im Bausektor (EFBH und FIEC) über „ein besseres Funktionieren des europäischen Arbeitsmarkts“.


28. April
Budapest
Internationale Konferenz über menschenwürdige Arbeit im digitalen Zeitalter, ausgerichtet von der Fakultät für Arbeitsrecht der katholischen Universität Pázmány Péter mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest (Informationen).


3.-4. Mai
Stockholm
Informelle Ministertagung „Beschäftigung und Soziales“


12. Juni
Luxemburg
Rat „Beschäftigung und Sozialpolitik“

 
  Über uns

 


IR Notes erscheint alle 14 Tage in mehreren europäischen Sprachen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch) wird von IR Share und seinem Expertennetzwerk herausgebracht. Dieser Newsletter bietet ein europaweites Monitoring zu Arbeitsrecht, Arbeitsbeziehungen und Beschäftigungspolitik. Er kann für einen Betrag von jährlich 248,00 Euro zzgl. MwSt. auf der IR Share-Website abonniert werden


Das Team: Diese Ausgabe wurde erstellt bei Predrag Bejakovic, Pascale Turlan und Frédéric Turlan.
Erfahren Sie mehr über das 
IR Share-Team auf unserer Website.


Abonnieren Sie IR Notes Mit wenigen Klicks auf der IR Share-Website oder per Telefon unter: 
+33 (0)6 81 41 53 95


Impressum. Herausgeber: IR Share SARL – 5, Les Compères – 89520 Fontenoy – Frankreich – Tel.: +33 (0)6 81 41 53 95 –  Stammkapital 1.500 Euro – Handelsregister-Nr. (RCS Auxerre): 512 567 959. Verantwortlicher für die Veröffentlichung: Frédéric Turlan. Hosting: Ideal prod – 14 rue  Auguste Morel – 89100 Sens – Frankreich – Tel.: + 33 (0)3 86 83 21 21. CPPAP Nr.: 0621 Z 93933.

 
  !!! Folgen Sie uns auf LinkedIn !!!

Damit Sie auch zwischen den Ausgaben auf dem Laufenden bleiben: Wir informieren Sie auf LinkedIn IR Notes über aktuelle Entwicklungen. Folgen Sie uns! 195 Personen folgen uns bereits!

 
  Europäisches Wörterbuch der Arbeitsbeziehungen

Wenn Sie die Inhalte von IR Notes vertiefen wollen, stellen wir Ihnen gerne die Links zum Europäischen Wörterbuch der Arbeitsbeziehungen zur Verfügung, das von Eurofound veröffentlicht und regelmäßig von IR Share, dem Herausgeber von IR Notes, aktualisiert wird. Das Wörterbuch ist auf English, doch die Definitionen der Begriffe lassen sich mit Online-Übersetzungstools leicht übersetzen.

 

IR Share ist ein unabhängiges und nicht parteigebundenes Privatunternehmen, das alle Akteure des sozialen Dialogs in Europa und darüber hinaus informieren und unterstützen will. IR Share stellt seit 2009 die Frankreich Korrespondenten der Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen.

 

In den Schlagzeilen
Bleibt Irland eine Oase für Gesellschaften zur Errichtung von EBR?

Im Mai 2022 hat die EU-Kommission Irland aufgefordert, seine Vorschriften über Eurobetriebsräte zu ändern, weil das irische Recht „eine Reihe von Mängeln“ aufweise (s. Pressemitteilung). Denn die nach irischem Recht errichteten EBR, wie der von Verizon, haben bei Verletzung ihres Rechts auf Unterrichtung und Anhörung (s. European Works Councils) praktisch keinen Zugang zur Justiz: Weder die Kommission für Arbeitsbeziehungen (WRC) noch das Arbeitsgericht, die beiden Instanzen, die bei Arbeitsstreitigkeiten zuständig sind, können von den EBR direkt angerufen werden. Nach irischem Recht sind Schiedsgerichte für solche Streitigkeiten zuständig, doch diese können aufgrund fehlender Durchführungsbestimmungen nicht tätig werden. Ferner haben die Strafzahlungen von 1.500 bis 10.000 Euro, die gegen Arbeitgeber verhängt werden können, auf multinationale Unternehmen keine abschreckende Wirkung. Der Warnhinweis der Kommission „kommt nicht von ungefähr“, betont die Sprecherin des Sinn Féin, Louise O’Reilly, deren Partei die Regierung seit Jahren auffordert, die Vorschriften für EBR zu aktualisieren. Die Gewerkschaft SIPTU ihrerseits weist die Regierung seit 2019 auf die Mängel in der Gesetzgebung hin (s. Mitteilung), und der Gewerkschaftsverband ICTU reichte aufgrund ausbleibender Antwort im März 2021 eine offizielle Beschwerde bei der Kommission ein (s. Mitteilung der SIPTU). Bis jetzt hat die Regierung lediglich kundgetan, dass die Gesetzgebung mit dem EU-Recht vereinbar sei. Tatsache ist – und das ist das Erstaunliche an dieser Sache -, dass weder im Bericht über den Stand der Anwendung der Richtlinie von 1994, noch im Bericht über die Richtlinie von 2009 oder im Arbeitspapier zu diesem Bericht Beschwerden gegen das irische Recht erhoben wurden.
Wie ist das zu erklären? Die Verlesung der Anhörungen, die von einem Ausschuss des irischen Parlaments durchgeführt wurden (s. Sitzungen vom Juni 2022 und Februar 2023), ist aufschlussreich: 1. Die Situation blieb unbeachtet, solange man die nach irischem Recht errichteten EBR an einer Hand abzählen konnte. Doch aufgrund ähnlicher Rechtssysteme, der Verwendung der englischen Sprache und dem fehlenden Recht auf Tarifverhandlungen hat der Brexit mehrere Konzerne dazu bewogen, ihren EBR in Irland anzusiedeln.  Schätzungen zufolge – es gibt keine offizielle Quelle – befinden sich inzwischen 150 bis 200 EBR auf irischem Boden, im Vergleich zu 11 vor dem Brexit (s. Brexit and labour standards). Somit ist Irland nach Deutschland und vermutlich noch vor Frankreich das Land mit den meisten EBR. So ist es der „Zustrom der EBR nach Irland“, der „die Aufmerksamkeit auf die Bedenken gelenkt hat, wie Streitigkeiten gehandhabt werden“, sagt Jonathan Lavelle von der University of Limerick. 2. Die Regierung „tut alles, um sich mit diesem Vorgang nicht beschäftigen zu müssen“, bescheinigt Senator Paul Gavan. Alle angehörten Sachverständigen stimmen darin überein, dass die Einleitung von Gerichtsverfahren durch EBR praktisch unmöglich ist, und alle sind sich einig, dass die Gesetzgebung überarbeitet werden sollte. 3. Dazu würde es schon reichen, auch hier sind sich wieder alle einig, das Mandat der WRC und des Arbeitsgerichts zu erweitern, damit sie direkt von den EBR angerufen werden können, und zusätzlich einige Richter auszubilden.
Warum rührt sich die Regierung nicht? Ist es der Wunsch, internationalen Unternehmen in Irland ein günstiges Umfeld für Arbeitsbeziehungen zu bieten, wie es das bereits für Steuern ist? Ist es der wirtschaftliche Aspekt, dass EBR-Tagungen Pubs und Hotels füllen? Was auch immer. Entscheidend ist, dass das Problem über die irische Frage hinausgeht: Denn bei Verletzung ihres Rechts auf Unterrichtung und Anhörung haben 10 bis 15 % aller EBR nicht die Möglichkeit, dagegen gerichtlich vorzugehen. Die Richtlinie wird ihrer Wirkung und hunderttausende europäische Arbeitskräfte ihrer Rechte beraubt. Wie Tom Hayes einräumte, der viele Konzerne berät, würden die Unternehmen nicht flüchten, wenn die EBR Zugang zur Justiz bekämen. Sie würden ihre EBR in Irland belassen. So stellt das Europäische Parlament im Rahmen der Überarbeitung der Richtlinie auch die Forderung, ohne dabei ausdrücklich Irland zu nennen: „Die Mitgliedstaaten sollten ein zuständiges nationales Arbeitsgericht, zu dem der Europäische Betriebsrat und das besondere Verhandlungsgremium ohne Weiteres Zugang haben, bestimmen und der Kommission mitteilen“.


1. Europäische Union
Rechtsprechung

Paket „Arbeitszeitgestaltung‟ : Die Europäische Kommission hat am 15. März in aller Stille (ohne Pressemitteilung) ein Paket zur Arbeitszeitgestaltung mit drei Dokumenten angenommen: 1. ein Bericht über die Durchführung der Arbeitszeitrichtlinie 2003/88 (s. Working time). Dieser Bericht über den Stand der Umsetzung der Richtlinie stellt eine „fehlerhafte Umsetzung der Ausnahmen von der täglichen und wöchentlichen Ruhezeit“ fest, ohne dass die Kommission eine Überarbeitung der Richtlinie vorschlägt. 2. Ein detailliertes Arbeitsdokument über die Umsetzung und 3. Eine Mitteilung zu Auslegungsfragen, die auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs bezüglich der Richtlinie eingeht. Mit diesem Text, der ca. 30 neue Urteile enthält, soll die Rechtssicherheit und die Klarheit der Auslegung der Richtlinie verbessert werden. Damit will die Kommission den Mitgliedstaaten und betreffenden Akteuren bei der Umsetzung und Auslegung dieser Richtlinie zur Förderung der Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz helfen. Denn bekanntlich sind Parlament und Rat an der Überarbeitung dieser Richtlinie 2009 gescheitert, und auch die Sozialpartner haben es angesichts dessen im Dezember 2012 nicht geschafft, eine Vereinbarung zur Überarbeitung dieses Textes zu erzielen. Seither regelt der Gerichtshof das Arbeitszeitrecht in der EU.


Sektoraler sozialer Dialog

Künstliche Intelligenz : Am 22. Februar haben die europäischen Sozialpartner der Metall- und Elektroindustrie gemeinsame Schlussfolgerungen zur künstlichen Intelligenz in der Metall- und Elektroindustrie angenommen, die dieser Industrie als „Leitfaden für den Umgang mit KI am Arbeitsplatz dienen“ soll (s. Artificial intelligence).. Die Unterzeichnenden „unterstützen eine frühzeitige Anhörung der Arbeitnehmer*innen und (wo anwendbar) ihrer Vertreter*innen, wenn über die Einführung neuer KI-Systeme entschieden wird, einschließlich der Gestaltung, der Ausarbeitung von Spezifikationen für alle relevanten Akteure, der Entwicklung und des Einsatzes des Systems“.


2. Mitgliedstaaten
Kroatien

Sonntagsarbeit : Die Regierung begrüßt die Annahme eines Gesetzes, mit dem Sonntagsarbeit verboten wird. Davon ausgenommen sind Geschäfte in Bus- oder Zugbahnhöfen, Flughäfen, Museen und Tankstellen. Das Gesetz, nach dem 16 verkaufsoffene Sonntage im Jahr erlaubt sind, tritt am 1. Juli in Kraft. Die Gefahr von Entlassungen und einem Konjunkturrückgang schloss Davor Filipović, Minister für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung, aus, und betont vielmehr, dass die 118 000 Beschäftigten in diesem Sektor mehr Freizeit mit Familie und Freunde verbringen können (s. Pressemitteilung).


Dänemark

Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz : Die dänische Arbeitsaufsichtsbehörde veröffentlichte beunruhigende Zahlen: 2022 wurden 43 tödliche Arbeitsunfälle verzeichnet – es ist das schlimmste Jahr seit 2008. Seit Ende der 1970er-Jahren#ich mein, es muss Jahre heißen# war die Zahl der Todesfälle bis 2017 kontinuierlich gesunken (v. Mitteilung). Die Arbeitsunfälle mit Todesfolge ereignen sich vor allem in den drei Bereichen Bau, Abriss von Gebäuden sowie Warentransport und betreffen in erster Linie polnische und litauische Arbeitskräfte. Der nationale Gesundheitsrat hat seinerseits am 2. März in zwei Berichten über Krankheiten und Risikofaktoren Daten zur Morbidität veröffentlicht. Danach führen Arthrose sowie Nacken- und Rückenschmerzen zu ca. 7,3 Millionen krankheitsbedingte Fehltage jährlich, was ca. 30.000 Vollzeitstellen entspricht. Die durch diese Symptome bedingten Krankheitstage „kosten die Gesellschaft Milliarden von Kronen‟, sagt Lene Krabbe Dahl, Bundessekretärin der Gewerkschaft 3F. „Eine Verbesserung des Arbeitsumfelds ist zwingend erforderlich, um eine Erschöpfung der Beschäftigten zu verhindern. Es kommt dem Gesundheitswesen, den Arbeitgebern und dem Einzelnen teuer zu stehen, wenn Arbeitnehmer wegen Erkrankungen aufgrund einer schlechter Arbeitsumgebung der Arbeit fernbleiben müssen.‟ Als Reaktion darauf hat die Regierung am 14. März mit  den Parteien im Parlament Verhandlungen aufgenommen für eine neue „Vereinbarung über das Arbeitsumfeld“ 2023-2026, die mit 1,3 Mrd. dänische Kronen (ca. 175 Mio. Euro) ausgestattet ist (s. Pressemitteilung) und damit eine dauerhafte Finanzierung der Arbeitsaufsichtsbehörde sichern soll (mit 203 Mio. Kronen ab 2027, das entspricht ca. 24 Mio. Euro), sowie einen besseren Schutz der Arbeitnehmer, die in der Asbestsanierung tätig sind, und eine Politik zur Verbesserung der psychischen Gesundheit (s. Pressemitteilung von FH).


Luxembourg

Dreier-Vereinbarung : Regierung und Sozialpartner schlossen am 7. März eine neue Dreier-Vereinbarung, mit der die Vereinbarungen vom März und September 2022 ergänzt werden. Sie gewährleistet die Beibehaltung der automatischen Lohnindexierung bis Ende 2024: Sobald die Inflation mehr als 2,5 % beträgt, müssen Löhne und Gehälter entsprechend erhöht werden. Als Ausgleich für die Lohnanhebung können Arbeitgeber ihre Sozialbeiträge verringern. Die Vereinbarung, die weitere Maßnahmen zur Erhaltung der Kaufkraft der Beschäftigten enthält, wird sowohl von den beiden Gewerkschaftsverbänden (s. Mitteilungen OGBL et LCGB) als auch vom Arbeitgeberverband UEL (s. Mitteilung) begrüßt.



  • Mobbing: Das Parlament verabschiedete am 9. März ein Gesetz gegen Mobbing am Arbeitsplatz, das ein spezielles Verfahren für Opfer bei der Arbeitsaufsichtsbehörde (ITM) sowie Sanktionen gegen Arbeitgeber vorsieht (s. Mitteilung des Arbeitsministeriums). Damit wird ein neues Kapitel in das Arbeitsgesetzbuch eingeführt – was der Arbeitgeberverband UEL ablehnt, denn seiner Meinung nach hatten die Sozialpartner das Thema bereits im Rahmen ihrer branchenübergreifenden Vereinbarung vom 25. Juni 2019 über Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz behandelt.


3. Drittstaaten
Großbritannien

Menopause : Die Regierung hat Helen Tomlinson, Head of Talent (UK & Irland) bei der Adecco Group zur „Vorkämpferin für mehr Wissen über die Wechseljahre am Arbeitsplatz“ ernannt. Ihre Aufgabe ist es, Arbeitgeber zur Erstellung von Leitlinien für die Menopause anzuregen, um ein günstigeres Umfeld für Frauen in den Wechseljahren zu schaffen, damit sie am Arbeitsplatz bleiben und dort vorankommen (s. Pressemitteilung). Die Ernennung ist die erste europaweit und die wichtigste Ankündigung der Regierung, trotz der weitreichenden Empfehlungen, die in zwei Berichten ausgesprochen wurden: Menopause and the Workplace: How to enable fulfilling working lives vom November 2021, auf den die Regierung im Juli 2022 antwortete (s. Bericht und IR Notes 176) und den im Juli 2022 veröffentlichten Bericht des Ausschusses des britischen Unterhauses zu Frauenfragen und Gleichberechtigung Menopause and the workplace, auf den die Regierung Ende Januar antwortete (s. Bericht).


Ukraine

Reform der Tarifverhandlungen : Nach der Kritik an der Verabschiedung von Gesetzen oder Gesetzesvorhaben, die gegen den Acquis Communautaire, den „gemeinschaftlichen Besitzstand der EU“ verstoßen und Gewerkschaftsrechte einschränken (s. IR Notes 201 und IR Notes 191), scheinen die ukrainischen Behörden ihre Position zu ändern. Denn am 23. Februar hat das Parlament zur „europäischen Integration“ der Ukraine den Gesetzentwurf 7628 „über Tarifverhandlungen und Verträge“ angenommen, der das vorhergehende Gesetz von 1993 über Tarifverhandlungen und den sozialen Dialog reformiert (s. Pressemitteilung des Wirtschaftsministeriums).  Jetzt muss Präsident Selenskyj das Gesetz noch unterschreiben, damit es in Kraft treten kann. Die Regierung weist darauf hin, dass Sozialpartner und ILO-Experten das Gesetz gebilligt haben. Es erleichtert nicht repräsentativen oder neu gegründeten Gewerkschaften den Zugang zu Tarifverhandlungen, stellt eine Verbindung zwischen den verschiedenen Ebenen von Tarifverträgen her (Branchen- oder Flächentarifvertrag, Betriebsvereinbarungen etc.) und ermöglicht es den Unterzeichnern von Tarifverträgen, bestimmte Klauseln beim Eintreten von höherer Gewalt auszusetzen. Mit diesem Gesetz würde Richtlinie 2001/23 vom 12. März 2001 umgesetzt, die Beschäftigte beim Übergang von Unternehmen schützt, sowie Richtlinie 91/533 vom 14. Oktober 1991 über die Unterrichtung von Arbeitskräften über die für ihren Arbeitsvertrag oder ihr Arbeitsverhältnis geltenden Bedingungen. Damit „setzt die Ukraine die schrittweise Annäherung ihrer Gesetze an die Gesetze, Normen und die Praxis der EU im Bereich Beschäftigung, Sozialpolitik und Chancengleichheit fort“, so das Parlament (s. Pressemitteilung).


4. Unternehmen
Europäische Gesellschaft

Aufspaltung : Nach Konsultation von Experten hat der SE-Betriebsrat des französischen IT-Dienstleisters Atos eine negative Stellungnahme zu den Aufspaltungsplänen der Gruppe abgegeben. Aus dem Konzern sollen zwei Unternehmen werden: Das bisherige IT-Outsourcing soll unter dem Namen Atos weiterlaufen, während Evidian die wachstumsstarken Geschäftsbereiche Cybersicherheit und Supercomputer bündeln will. Bei diesem Vorhaben würde der jetzige SE-BR bestehen bleiben und die erste Firma abdecken, während das neue Unternehmen Evidian SA die Einrichtung eines EBR aushandeln müsste. Für die Dauer der Verhandlungen, die sich bis zu drei Jahre hinziehen können, wären die Beschäftigten des neuen Unternehmens ohne Vertretung. Die Richtlinie sieht keine Lösung vor, wenn die Rechte auf Unterrichtung und Anhörung auf transnationaler Ebene bei einer Aufspaltung verloren gehen. Die Unternehmensleitung kann allerdings auf freiwilliger Basis dafür sorgen, dass ein vorläufiges Gremium eingerichtet wird, während die Verhandlungen über eine künftige EBR-Vereinbarung laufen, und sie kann sich gegenüber dem SE-BR verpflichten, die Verhandlungen zu beschleunigen, wie dies unlängst bei Suez der Fall war.


5. Studien und Berichte

Nach französischem Recht sind Beschäftigte von Konzernen berechtigt, einen oder zwei Personalvertreter in den Verwaltungsrat oder Aufsichtsrat zu wählen. Die neu gewählten Personalvertreter müssen in diesem Fall andere Mandate abgeben, die sie als Arbeitnehmervertreter innerhalb der Gruppe möglicherweise innehaben, sobald sie ihre Funktion im Leitungsorgan antreten. Diese Vorschrift gegen Ämterhäufung gilt auch, wenn der EBR einen der beiden Arbeitnehmervertreter ins Leitungsorgan wählt. Das gewählte Mitglied muss dann auf sein EBR-Mandat verzichten sowie auf andere Mandate, die es auf nationaler oder lokaler Ebene eventuell innehat. In einer vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut veröffentlichten Studie geht Stéphane Vernac, Professor für Privatrecht an der Universität Jean Monnet Saint-Étienne, auf dieses Gesetz ein und untersucht u. a., inwiefern es mit EU-Recht vereinbar ist. Die Unvereinbarkeitsregel lässt sich offenbar nicht in Frage stellen, selbst wenn der Autor auf einige Schwachstellen hinweist. Er fordert die Unternehmen zu mehr Klarheit bei den Ernennungsverfahren auf. Gleichzeitig sollten Arbeitnehmer, die Mitglieder im Leitungsorgan werden, einen gleichwertigen Kündigungsschutz wie Arbeitnehmervertreter erhalten, wenn sie durch die Niederlegung ihrer Mandate auf nationaler oder lokaler Ebene diesen Schutz verlieren.


> Siehe auch: Die 2022 erschienene ETUI Studie über die Europäisierung der Arbeitnehmervertretung auf Verwaltungs- oder Aufsichtsratsebene in Frankreich.

 


Désabonnement

IR Notes

Eine Einführung

IR Notes ist ein unabhängiger, zuverlässiger und ausgewogener Informationsdienst zu Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht in Europa.

Dieser Newsletter erscheint in 6 Sprachen, ist im Abonnement erhältlich und bietet Ihnen Zugang zu prägnanten, zielgerichteten und praxisnahen Informationen zu den wichtigsten Themen des sozialen Europas und des transnationalen sozialen Dialogs.

Gemeinsam mit unseren Experten und nationalen Korrespondenten verfolgen wir einen dynamischen, praktischen und nützlichen Ansatz für das europäische Sozialmonitoring.

Dadurch wählen wir die relevantesten Themen aus, die als Quelle für fachübergreifende und inspirierende Ideen dienen.

Jede Ausgabe enthält:

  • Eine Interview mit einer Expertin oder einem Experten aus dem Bereich der Arbeitsbeziehungen, die/der eine ganz eigene Perspektive auf aktuelle soziale Fragen, Vereinbarungen oder Best-Practice-Beispiele einbringt.
  • Aktuelle Informationen über Entwicklungen in der EU-Gesetzgebung und der Rechtsprechung.
  • Monitoring der arbeitsrechtlichen Entwicklungen in den EU-Mitgliedstaaten.
  • Berichte über die neuesten Entwicklungen bei den Europäischen Betriebsräten und den SE-Betriebsräten.
  • Schließlich hält IR Notes Sie über die wichtigsten Studien und Forschungsarbeiten aus der Arbeitswelt auf dem Laufenden.

IR Notes
Gemeinsam ein soziales Europa aufbauen

Der IR Notes-Newsletter bietet jedem in Europa Zugang zu einer unabhängigen, zuverlässigen und unparteiischen Informationsquelle zu Themen rund um die Arbeitsbeziehungen

Three questions for Delphine Rudelli

Three questions for Delphine Rudelli

Three questions for Delphine Rudelli, Director General of CEEMET (*) On the delays in transposing the ‘pay transparency’ directive “We are calling for the application of the directive to be suspended while we assess what can be simplified – not to reduce rights, but...

read more...
European Union – Social update

European Union – Social update

European Works Councils The Expert Group set up by the European Commission to help Member States transpose the new Directive (EU) 2025/2450 on European Works Councils is due to submit its report this summer. This report may constitute a useful point of reference when...

read more...
A step in coordination of national social security systems

A step in coordination of national social security systems

At last, a step forward for freedom of movement for workers in the EU On 22 April, representatives of the Council and Parliament reached a provisional agreement on revising the rules on coordination of national social security systems, as provided for by regulation...

read more...
Picture of Nora Krokovay

A question for… Nora Krokovay

A question for…Nora Krokovay, Senior Analyst at Kopint-Tárki What changes can we expect in terms of social dialogue and labour law in Hungary following the elections that brought an end to Viktor Orbán’s 16-year leadership? The atmosphere was very euphoric and joyful...

read more...
Improvements in job quality

Improvements in job quality

Eurofound notes improvements in job quality in Europe Now that the European Commission has announced its intention to present a bill on job quality by the year end, the results of the latest European Working Conditions Survey (EWCS) will be scrutinised very...

read more...
Is pay transparency the new enemy to be targeted?

Is pay transparency the new enemy to be targeted?

After seeing off the corporate sustainability reporting and due diligence directives, Member States appear ready to tackle the pay transparency directive, which is due to be transposed in Member States by 7 June 2026.Not only are many countries behind schedule, but a...

read more...
A question to… Lidia Gil Otero

A question to… Lidia Gil Otero

A question for…Lidia Gil Otero, PhD Assistant Professor in Labour and Social Security Law at Santiago de Compostela University In the context of the Digilare project (*), you advocate using the transposition of the Platform Work Directive, which is due to be completed...

read more...