IR Notes

Gemeinsam am Aufbau eines sozialen Europas arbeiten

Eine unabhängige, zuverlässige und unparteiische Informationsquelle zu Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht in Europa.

IR Notes 224 – Drama in Brüssel: Uber fährt Richtlinie vor die Wand

  IR Notes 224 – 21 Februar 2024
www.irshare.eu
 
 
  Eine Frage an…
Odile Chagny, Ökonomin am französischen Institut für wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschung IRES

SAP und Forvia haben angekündigt, ihre Konzerne umzubauen und im Zusammenhang mit einem verstärkten Einsatz von generativer KI auch Stellen abzubauen. Der Gewerkschaftsvertreter der CFDT bei SAP sagt, „KI kam inkognito, ohne Anhörung, ohne Evaluierung, ohne dass wir ein Bewusstsein dafür entwickelt hätten“. Welche Empfehlungen folgen aus Ihrer Arbeit, um die Einführung von KI zu regeln?
Unser soeben veröffentlichtes Manifest ist nur ein Ergebnis des Projekts DIALIA. An dem Projekt, das ANACT kofinanziert und IRES koordiniert, sind vier Mitgliedsgewerkschaften von IRES beteiligt. Unser Ziel ist es, zusammen (mit einer Gruppe von 80 Teilnehmern aus Gewerkschaften, aber auch Arbeitgeberverbänden, Experten etc.) ein gemeinsames Vorgehen im Hinblick auf die Ausgestaltung der Europäischen Rahmenvereinbarung über Digitalisierung aus dem Jahr 2020 zu erarbeiten. Neben dem Manifest wollen wir eine „Rahmen“-Vereinbarung und vor allem ein „Handbuch“ für Arbeitnehmervertreter erstellen. SAP und Forvia sind symptomatisch für die Mängel, die wir in den Diskussionen und beim Austausch von Praktiken im Projekt feststellen: Ob in Unternehmen oder Behörden – bei der Einführung des KI-Systems wird dem sozialen Dialog, vor allem in Frankreich, nur wenig Platz eingeräumt, wenn überhaupt, obwohl die rechtlichen Mittel dafür vorhanden sind. Arbeitnehmervertreter werden nur sehr selten in die strukturellen Überlegungen einbezogen, die den Rückgriff auf diese Mittel zur Folge haben kann. KI wird oft unsichtbar gemacht. Und wenn sie nicht unsichtbar ist, kann sie Strategien unterstützen, die ausschließlich auf eine Steigerung der Produktivität oder Einsparung der Kosten abzielen. Wir müssen uns dringend der Auswirkungen des KI-Systems und der Algorithmen auf Kompetenzen, Beschäftigung und Organisation auf allen Ebenen bewusst werden: Beschäftigte (ihre Vorgesetzten), Geschäftsleitung, Unternehmer, Nutzer, Bürger etc. Wir müssen uns auch an die Besonderheiten der KI anpassen, die zeitliche Dimension der KI, ihren „Lebenszyklus“ berücksichtigen und uns von einem „statischen“ Ansatz des sozialen Dialogs verabschieden und uns die Möglichkeit einräumen, „umzudenken“.

 
  Agenda

 


8. März
Brüssel

Konferenz der belgischen EU-Ratspräsidentschaft zum „Wohlergehen von Seeleuten“.


11.-12. März
Brüssel
Rat Beschäftigung und Sozialpolitik


20. März
Brüssel
Dreigliedriger Sozialgipfel


25.-28. März
Paris
Deutsch-französisches Seminar für Eurobetriebsräte, ausgerichtet von EWC Academy in Zusammenarbeit mit Ultra Laborans und IR Share, die den 26. März moderieren, bei dem es um die Überarbeitung der EBR-Richtlinie und den Austausch von Praktiken zwischen französischen und deutschen EBR-Vertretern geht.

 
  Über uns

 


IR Notes erscheint alle 14 Tage in mehreren europäischen Sprachen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch) wird von IR Share und seinem Expertennetzwerk herausgebracht. Dieser Newsletter bietet ein europaweites Monitoring zu Arbeitsrecht, Arbeitsbeziehungen und Beschäftigungspolitik. Er kann für einen Betrag von jährlich 273,00 Euro zzgl. MwSt. auf der IR Share-Website abonniert werden


Das Team: Diese Ausgabe wurde erstellt bei Iris Turlan und Frédéric Turlan.
Erfahren Sie mehr über das 
IR Share-Team auf unserer Website.


Abonnieren Sie IR Notes Mit wenigen Klicks auf der IR Share-Website oder per Telefon unter: 
+33 (0)6 81 41 53 95


Impressum. Herausgeber: IR Share SARL – 5, Les Compères – 89520 Fontenoy – Frankreich – Tel.: +33 (0)6 81 41 53 95 –  Stammkapital 1.500 Euro – Handelsregister-Nr. (RCS Auxerre): 512 567 959. Verantwortlicher für die Veröffentlichung: Frédéric Turlan. Hosting: ALTEO – Damien Cornillet – Château – 89500 Villeneuve-sur-Yonne1. CPPAP Nr.: 0621 Z 93933.

 
  Folgen Sie uns auf LinkedIn

Damit Sie auch zwischen den Ausgaben auf dem Laufenden bleiben: Wir informieren Sie auf LinkedIn IR Notes über aktuelle Entwicklungen. Folgen Sie uns! 591 Personen folgen uns bereits!

 
  Europäisches Wörterbuch der Arbeitsbeziehungen

Wenn Sie die Inhalte von IR Notes vertiefen wollen, stellen wir Ihnen gerne die Links zum Europäischen Wörterbuch der Arbeitsbeziehungen zur Verfügung, das von Eurofound veröffentlicht und regelmäßig von IR Share, dem Herausgeber von IR Notes, aktualisiert wird. Das Wörterbuch ist auf English, doch die Definitionen der Begriffe lassen sich mit Online-Übersetzungstools leicht übersetzen.

 

IR Share ist ein unabhängiges und nicht parteigebundenes Privatunternehmen, das alle Akteure des sozialen Dialogs in Europa und darüber hinaus informieren und unterstützen will. IR Share stellt seit 2009 die Frankreich Korrespondenten der Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen.

 

ÀIn den Schlagzeilen
Drama in Brüssel: Uber fährt Richtlinie vor die Wand

Ein trauriger Abschluss für die Amtszeit der jetzigen Europäischen Kommission. Auch wenn allgemein bekannt ist, dass sie im letzten Jahr kaum Fortschritte mehr in wichtigen Angelegenheiten erringen kann, werden die Texte, die vor Ablauf der Legislaturperiode fertiggestellt sein müssen, von den Mitgliedstaaten nun einer nach dem anderen torpediert. Die CSRD-Richtlinie, die Unternehmen zur Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten verpflichtet, hat es gerade noch geschafft, allerdings nicht ohne in letzter Minute einige Federn zu lassen (s. IR Notes 217). Der Richtlinienvorschlag zum Schutz von Plattformbeschäftigten dagegen steht vor dem Aus. Nachdem der Rat den mit dem EU-Parlament erzielten Kompromiss am 22. Dezember abgelehnt hatte, wurde am 8. Februar ein neuer Vorschlag vorgelegt, der keine EU-weite einheitliche Definition der Vermutung der Arbeitnehmereigenschaft auf der Grundlage bestimmter Kriterien mehr enthielt – jeder Mitgliedstaat hätte eine widerlegbare gesetzliche Beschäftigungsvermutung auf nationaler Ebene aufstellen müssen. Doch trotz dieser Abschwächung wurde der Kompromiss am 16. Februar erneut abgelehnt: Deutschland, Estland und Griechenland enthielten sich, Frankreich stimmte dagegen. Obgleich 23 Länder dafür stimmten – die über 63 % der EU-Bevölkerung vertreten -, wird das Vorhaben nach einem mehr als zweijährigen Gesetzgebungsverfahren nicht weiterverfolgt. Das Schicksal von Millionen Plattformbeschäftigten liegt damit in der Hand von nationalen Richtern, die nach einer Klage über die Einstufung der Arbeitnehmereigenschaft zu entscheiden haben. So kann die moderne Sklaverei mancher Beschäftigter weiterbestehen in unserer schönen „in hohem Maße wettbewerbsfähigen sozialen Marktwirtschaft, die auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt“ (EU-Vertrag, Art. 3).
Das Spektakel geht weiter mit dem Vorschlag für die Richtlinie zur Sorgfaltspflicht. Trotz eines reibungslosen Durchlaufs in Rat und Parlament, in dem der Text von einer großen Mehrheit der Europaparlamentarier angenommen wurde (darunter auch Vertreter der EVP), hat die belgische EU-Ratspräsidentschaft die Abstimmung im Rat (s. IR Notes 221) aus Furcht vor einer fehlenden Mehrheit zweimal verschoben. Am 16. Februar wurde die Abstimmung ein drittes Mal verschoben, dieses Mal auf unbestimmte Zeit, damit die Präsidentschaft sich eine Mehrheit sichern kann, die jedoch immer ungewisser scheint. Alle nationalen Arbeitgeberverbände laufen Sturm gegen diesen Text und veröffentlichen Pressemitteilungen, in denen sie dazu aufrufen, die Regelung zu überarbeiten, da sie nicht durchführbar sei und die europäische Wettbewerbsfähigkeit gefährden würde.


1. Europäische Union
Vorhaben

EBR-Richtlinie : Am 13. Februar legte der Europaparlamentarier Dennis Radtke (EVP) im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten einen Bericht über den jüngsten Vorschlag der EU-Kommission vom 24. Januar vor, der Änderungen zur Stärkung bestimmter Aspekte enthält (s. IR Notes 222) und möglichst noch vor Ende der Legislaturperiode angenommen werden soll. Der Bericht, der die Position des Parlaments vertritt, enthält eine erweiterte Definition des länderübergreifenden Charakters um den Fall, in dem sich eine Maßnahme in einem anderen Land auswirkt als in dem Mitgliedstaat, in dem die Entscheidung getroffen wurde. Er ergänzt die Definition der Anhörung, besteht darauf, dass der EBR- oder BVG-Sachverständige auch der Vertreter eines europäischen Gewerkschaftsverbands sein kann, halbiert die Verhandlungszeit zur Einrichtung eines EBR von 36 auf 18 Monate, führt das Recht ein, die Aussetzung einer Entscheidung gerichtlich beantragen zu können, greift den anfänglichen Vorschlag des Parlaments wieder auf, die Sanktionen bei Verletzung des Rechts auf Unterrichtung und Anhörung an die der DSGVO anzupassen, will Unternehmensleitungen dazu verpflichten, die Gerichts- und Anwaltskosten der EBRs zu tragen und spricht sich dafür aus, dass die neuen Bestimmungen der Richtlinie automatisch auch für bestehende, davon abweichende Vereinbarungen gelten.



Gewalt gegen Frauen : Rat und EU-Parlament erzielten am 6. Februar eine Einigung über den Richtlinienvorschlag zu Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. Der Kompromiss wurde am 15. Februar in den parlamentarischen Ausschüssen gebilligt und muss jetzt noch von den beiden Institutionen förmlich angenommen werden (s. Pressemitteilung). Der Europäische Gewerkschaftsverband EGÖD äußert sich enttäuscht darüber, dass darin die Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz nicht angesprochen wird (s. Pressemitteilung) und kündigt die Aufnahme von Verhandlungen für den 19. März an, um die 2010 angenommenen sektorübergreifenden Leitlinien zu Gewalt und Belästigung durch Dritte am Arbeitsplatz zu überarbeiten.



Nachhaltigkeit : Rat und EU-Parlament erzielten am 7. Februar erwartungsgemäß (s. IR Notes 217) eine vorläufige Einigung über einen Richtlinienvorschlag im Hinblick auf die Fristen für den Erlass der Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESRS) für bestimmte Sektoren und Unternehmen aus Drittländern zur Änderung der Richtlinie 2013/34 über die Nachhaltigkeitsberichtserstattung von Unternehmen (CSRD) (s. endgültige Kompromissfassung vom 14. Februar). Ziel ist es, den Unternehmen mehr Zeit zu geben, sich auf die neuen Standards vorzubereiten, die im Juni 2026, zwei Jahre später als ursprünglich geplant, angenommen werden sollen (s. Pressemitteilung).


Aktuelle soziale Themen

Praktika : Während die Kommission eine Überarbeitung des 2014 angenommenen „europäischen Rahmens für hochwertige Praktika“ vorlegen soll, hat der Europäische Rechnungshof eine Analyse über EU-Maßnahmen im Hinblick auf Praktika für junge Menschen veröffentlicht. Darin bemängelt er fehlende Statistiken über Praktika sowie die uneinheitliche Umsetzung des europäischen Rahmens. Er fordert eine einheitliche Definition von Praktika (s. Pressemitteilung).


Sektoraler sozialer Dialog

Private Sicherheit : Die europäischen Sozialpartner der privaten Sicherheitsbranche unterzeichneten am 20. Februar eine gemeinsame Erklärung mit der Überschrift Diversität, Gleichheit, Inklusion und Nichtdiskriminierung in den europäischen privaten Sicherheitsdiensten. Darin nennen sie Beispiele für Strategien in Unternehmen und heben hervor, dass die Belegschaft die Gesellschaft, für die sie arbeitet, in vielerlei Hinsicht widerspiegeln sollte (Geschlecht, Ethnie, Bevölkerung).


2. Mitgliedstaaten
Deutschland

Niedergang der Gewerkschaften gestoppt : Der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB hat steigende Mitgliederzahlen seiner Gewerkschaften veröffentlicht.  Von 5.643.786 Mitgliedern im Jahr 2022 stieg die Zahl 2023 auf 5.665.671, das sind knapp 22.000 neue Mitglieder – auch wenn die 6 Millionen im Jahr 2016 noch lange nicht erreicht sind. Doch der Rückgang der Mitgliederzahlen scheint gestoppt. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen: Erfolgreiche Tarifverhandlungen konnten die Kaufkraft sichern, ein Arbeitskräftemangel, der dazu führt, dass Beschäftigte keine Angst haben, einer Gewerkschaft beizutreten, und ein Zulauf junger Menschen. Eine Entwicklung, die sich vor allem bei ver.di feststellen lässt, wo 50.500 von 193.000 neuen Mitgliedern jünger als 28 sind.  Ihr Anteil beträgt inzwischen 6,5 % an der Gesamtmitgliedschaft (s. Pressemitteilung). Ein Zuwachs, der sicherlich auch auf die vor zwei Jahren gestartete Zusammenarbeit mit Fridays for Future zurückzuführen ist.


Belgien

Muskel-Skelett-Erkrankungen : Die Sozialpartner im Hohen Rat für Prävention und Arbeitsschutz gaben am 12. Januar eine positive Stellungnahme zu einem Entwurf für einen Königlichen Erlass zur Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen am Arbeitsplatz ab. Wenn dieser Erlass verabschiedet wird, sind Arbeitgeber verpflichtet, anhand einer nicht abschließenden Liste von 6 biomechanischen Risikofaktoren eine Analyse von Muskel-Skelett-Risiken durchzuführen: übermäßiger Krafteinsatz bei der Ausführung bestimmter belastender Aufgaben, häufig wiederkehrende Bewegungen, Dauer der Aufgabe, bestimmte Haltungen und Handgriffe bei der Arbeit sowie die Kontaktkraft. Anschließend müssen sie Präventionsmaßnahmen durchführen, die regelmäßig bewertet werden. „Damit wird Belgien zum ersten europäischen Land, das für dieses große Problem ein eigenes Gesetz hat“, unterstreicht die Gewerkschaft CSC (s. Pressemitteilung).



Burnout : Die Föderalregierung hat der Ausweitung der Regelung zur Unterstützung von Beschäftigten im Krankenhaus- und Bankensektor zugestimmt, die Burnout-gefährdet sind. Zu diesem Zweck steht der Föderalagentur für Berufsrisiken (Fedris) ein Budget von 6 Mio. Euro zur Verfügung. Die als Erfolg eingestufte Maßnahme (s. Evaluierungsbericht) richtet sich an Beschäftigte mit ersten Anzeichen von Burnout. Ihnen wird ein organisatorisch und individuell auf sie zugeschnittenes Unterstützungsprogramm angeboten, damit sich ihre Beschwerden nicht verschlimmern. Die Teilnahme an einem solchen Programm wird vertraulich gehandhabt und ist kostenlos (s. Mitteilung des Ministeriums).


Dänemark

Arbeitszeiterfassung : In seinem Urteil 2019 gegen die Deutsche Bank entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Erfassung der Arbeitszeit verpflichtend ist (s. IR Notes 120). Das Parlament zieht nun die Folgen daraus und hat am 23. Januar ein Gesetz angenommen, mit dem die Vorschriften zur Arbeitszeit geändert werden. Ab dem 1. Juli müssen Arbeitgeber über ein objektives, zuverlässiges und zugängliches System verfügen, mit dem die von jedem Arbeitnehmer geleistete tägliche Arbeitszeit aufgezeichnet wird, damit die geltenden Vorschriften zu den täglichen und wöchentlichen Mindestruhezeiten und zur wöchentlichen Höchstarbeitszeit eingehalten werden.  Weiterhin sieht das Gesetz eine Opt-out-Regelung vor, die mit Richtlinie 2003/88 vom 4. November 2003 eingeführt wurde (Arbeitszeitgestaltung): Falls dies im Branchentarifvertrag vorgesehen ist, können Arbeitnehmer und Arbeitgeber individuell eine durchschnittlich höhere Wochenarbeitszeit als 48 Stunden vereinbaren (s. Pressemitteilung der Regierung).


Spanien

Grüne Tarifverhandlungen : Am 13. Februar hat der Ministerrat beschlossen, dem Parlament das Gesetzesvorhaben zur nachhaltigen Mobilität zur dringenden Annahme vorzulegen (s. Pressemitteilung und Zusammenfassung des Ministerrats, Foto). Mit Annahme der Vorlage würden „grüne Tarifverhandlungen“ zum ersten Mal in das spanische Rechtssystem aufgenommen. Unternehmen, auch die des öffentlichen Sektors, müssten dann innerhalb von 24 Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes über nachhaltige Mobilitätspläne für Arbeitsstätten mit mehr als 500 Beschäftigten (oder 250 Beschäftigten pro Schicht) verfügen. Die Pläne müssten laut Gesetzesvorhaben mit den Arbeitnehmervertretern oder anderenfalls mit einem Gremium ausgehandelt werden, das sich aus den repräsentativsten Gewerkschaften der Branche zusammensetzt.  Sie enthalten spezifische Maßnahmen für eine nachhaltige Mobilität, darunter die Förderung aktiver Mobilität, von öffentlichen Verkehrsmitteln, emissionsfreier Mobilität, vernetzter Mobilität und Sharing-Systemen oder Telearbeit, wo dies möglich ist. Artikel 85.1 des Arbeitnehmerstatuts würde abgeändert, um in den verbindlichen Teil von Tarifverträgen die Verpflichtung aufzunehmen, Maßnahmen zur Förderung der Ausarbeitung von nachhaltigen Mobilitätsplänen auszuhandeln (s. Pressemitteilung des Arbeitsministeriums).



Beschäftigungsbedingungen : Die Regierung hat am 6. Februar ein Gesetzesvorhaben zur Umsetzung der Richtlinie 2019/1152 über transparente und vorhersehbare Arbeitsbedingungen angenommen (s. Transparent and predictable working conditions). Darin wird die Zustimmung des Beschäftigten zu einem Wechsel von einer Vollzeit- zu einer Teilzeitarbeit und umgekehrt verlangt sowie zu einer Erhöhung oder Verringerung der Arbeitszeit bei einer Teilzeitbeschäftigung. Eine Änderung darf nicht einseitig durch das Unternehmen erfolgen. Weiterhin haben Beschäftigte das Recht, für mehrere Arbeitgeber zu arbeiten: Unternehmen dürfen ihnen eine solche Tätigkeit nicht untersagen, diese einschränken oder sie deswegen nachteilig behandeln, es sei denn, dies ist aufgrund bestimmter Umstände gerechtfertigt (Vertraulichkeit, Sicherheit und Gesundheit, Vermeidung von Interessenskonflikten) (s Mitteilung des Ministerrats), Foto, Yolanda Diaz).


3. Unternehmen
Europäische Betriebsräte

Gründung : Die auf Abfallsortierlösungen spezialisierte französische Sulo-Gruppe (2.200 Beschäftigte, 550 Mio. Umsatz) hat durch Vereinbarung vom 7. Dezember 2023 einen EBR errichtet. Die Gruppe, mit fast der Hälfte ihrer Beschäftigten in Frankreich (1.027 Beschäftigte und 5 Vertreter im EBR), hat u. a. Tochtergesellschaften in Deutschland (272 Beschäftigte und 2 Vertreter), Schweden (202 Beschäftigte, 1 Vertreter), Spanien (196 Beschäftigte, 1 Vertreter) und Belgien (158 Beschäftigte, 1 Vertreter). Daneben sind fünf weitere Länder im EBR vertreten, der einmal im Jahr zur Plenarsitzung zusammenkommt. Er wird in außergewöhnlichen Umständen angehört (die zwei Länder oder mindestens 30 % der Beschäftigten in jedem Land betreffen), sowie bei Veräußerungen, Spaltungen oder Fusionen durch Aufnahme etc. Ferner wird er alle drei Jahre im Zusammenhang mit der strategischen Ausrichtung der Gruppe oder bei Änderung der Strategie und einmal im Jahr zur CSR-Politik angehört.



Sicherheit und Gesundheitsschutz : Die Europäische Föderation der Bau- und Holzarbeiter (EFBH) hat am 14. Februar an einem Sicherheits- und Gesundheitsschutzaudit im Holcim-Werk in Carboneras, Spanien, teilgenommen. Der Verband weist darauf hin, dass der EBR vor einigen Jahren einen Ausschuss für Sicherheit und Gesundheitsschutz eingerichtet hat, der jährlich 4 Standorte besucht. „Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Arbeit von Eurobetriebsräten direkt auf die Beschäftigten auswirken und die Situation im Hinblick auf Sicherheit und Gesundheitsschutz in einem multinationalen Unternehmen verbessern kann“, sagt EFBH-Generalsekretär Tom Deleu. „In all unseren EBRs brauchen wir mehr Ausschüsse für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Für die EFBH ist das eine Priorität.“



Umstrukturierung : Die Unternehmensleitung des Automobilzulieferers Forvia kündigte am 19. Februar ein Restrukturierungsvorhaben über einen Zeitraum von fünf Jahre an, „um die Wettbewerbs- und Handlungsfähigkeit ihrer Gruppenunternehmen in Europa zu stärken“. Dabei werden 10.000 Arbeitsplätze wegfallen (von insgesamt 75.000 Ende 2023). Die Konzernleitung informierte das EBR-Präsidium am selben Tag darüber und erklärte, dass die Fertigungs- und F&E-Tätigkeiten durch die Entwicklung generativer KI an die neuen europäischen Rahmenbedingungen angepasst werden müssten, damit „die F&E- und Kernteams bis zu 50 % effizienter“ arbeiten (s. Mitteilung).


Gewerkschaften

Stahl : Der europäische Gewerkschaftsverband IndustriAll Europe traf sich am 8. Februar mit Margrethe Vestager, der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, zu einer Krisensitzung über den Stahlkonzern GFG Alliance/Liberty Steel (s. Pressemitteilung). Dessen finanzielle Lage ist alarmierend und gefährdet Tausende Arbeitsstellen sowie die Stahlerzeugungskapazität der EU (s. gemeinsame Erklärung von IndustriAll Europe und IndustriAll Global Union). Die Kommission verpflichtete sich, eine hochrangige Krisentagung über die Zukunft der europäischen Stahlproduktion auszurichten – unter dem Druck von IndustriAll Europe, die einen „echten Maßnahmenplan für Stahl für eine nachhaltige Stahlproduktion mit hochwertigen Arbeitsplätzen in Europa fordert“ (s. Pressemitteilung).


4. Studien und Berichte

Krebsrisiken : Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) hat eine Erhebung zur Exposition von Arbeitnehmern gegenüber Krebsrisikofaktoren in Europa (WES) unter 24.000 Beschäftigten in den sechs Mitgliedstaaten Deutschland, Irland, Spanien, Frankreich, Ungarn und Finnland durchgeführt. Insgesamt waren etwas mehr als 47 % der Beschäftigten in ihrer letzten Arbeitswoche mindestens einem der 24 in der Erhebung berücksichtigten Krebsrisikofaktoren ausgesetzt (Nachtarbeit wurde nicht berücksichtigt). 25,8 % der Beschäftigten waren mehreren Faktoren ausgesetzt. Zu den häufigsten Risiken gehören: UV-Sonnenstrahlung (20,8 %), Dieselmotoremissionen (19 %), Benzol (13 %), alveolengängiges kristallines Siliciumdioxid (8,4 %) und Formaldehyd (6,4 %). Die Ergebnisse sind wichtig im Rahmen künftiger Änderungsvorschläge zur Richtlinie über Karzinogene, Mutagene oder reproduktionstoxische Stoffe bei der Arbeit (s. Carcinogens directive revision).

 


Désabonnement

IR Notes

Eine Einführung

IR Notes ist ein unabhängiger, zuverlässiger und ausgewogener Informationsdienst zu Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht in Europa.

Dieser Newsletter erscheint in 6 Sprachen, ist im Abonnement erhältlich und bietet Ihnen Zugang zu prägnanten, zielgerichteten und praxisnahen Informationen zu den wichtigsten Themen des sozialen Europas und des transnationalen sozialen Dialogs.

Gemeinsam mit unseren Experten und nationalen Korrespondenten verfolgen wir einen dynamischen, praktischen und nützlichen Ansatz für das europäische Sozialmonitoring.

Dadurch wählen wir die relevantesten Themen aus, die als Quelle für fachübergreifende und inspirierende Ideen dienen.

Jede Ausgabe enthält:

  • Eine Interview mit einer Expertin oder einem Experten aus dem Bereich der Arbeitsbeziehungen, die/der eine ganz eigene Perspektive auf aktuelle soziale Fragen, Vereinbarungen oder Best-Practice-Beispiele einbringt.
  • Aktuelle Informationen über Entwicklungen in der EU-Gesetzgebung und der Rechtsprechung.
  • Monitoring der arbeitsrechtlichen Entwicklungen in den EU-Mitgliedstaaten.
  • Berichte über die neuesten Entwicklungen bei den Europäischen Betriebsräten und den SE-Betriebsräten.
  • Schließlich hält IR Notes Sie über die wichtigsten Studien und Forschungsarbeiten aus der Arbeitswelt auf dem Laufenden.

IR Notes
Gemeinsam ein soziales Europa aufbauen

Der IR Notes-Newsletter bietet jedem in Europa Zugang zu einer unabhängigen, zuverlässigen und unparteiischen Informationsquelle zu Themen rund um die Arbeitsbeziehungen

Three questions for Delphine Rudelli

Three questions for Delphine Rudelli

Three questions for Delphine Rudelli, Director General of CEEMET (*) On the delays in transposing the ‘pay transparency’ directive “We are calling for the application of the directive to be suspended while we assess what can be simplified – not to reduce rights, but...

read more...
European Union – Social update

European Union – Social update

European Works Councils The Expert Group set up by the European Commission to help Member States transpose the new Directive (EU) 2025/2450 on European Works Councils is due to submit its report this summer. This report may constitute a useful point of reference when...

read more...
A step in coordination of national social security systems

A step in coordination of national social security systems

At last, a step forward for freedom of movement for workers in the EU On 22 April, representatives of the Council and Parliament reached a provisional agreement on revising the rules on coordination of national social security systems, as provided for by regulation...

read more...
Picture of Nora Krokovay

A question for… Nora Krokovay

A question for…Nora Krokovay, Senior Analyst at Kopint-Tárki What changes can we expect in terms of social dialogue and labour law in Hungary following the elections that brought an end to Viktor Orbán’s 16-year leadership? The atmosphere was very euphoric and joyful...

read more...
Improvements in job quality

Improvements in job quality

Eurofound notes improvements in job quality in Europe Now that the European Commission has announced its intention to present a bill on job quality by the year end, the results of the latest European Working Conditions Survey (EWCS) will be scrutinised very...

read more...
Is pay transparency the new enemy to be targeted?

Is pay transparency the new enemy to be targeted?

After seeing off the corporate sustainability reporting and due diligence directives, Member States appear ready to tackle the pay transparency directive, which is due to be transposed in Member States by 7 June 2026.Not only are many countries behind schedule, but a...

read more...
A question to… Lidia Gil Otero

A question to… Lidia Gil Otero

A question for…Lidia Gil Otero, PhD Assistant Professor in Labour and Social Security Law at Santiago de Compostela University In the context of the Digilare project (*), you advocate using the transposition of the Platform Work Directive, which is due to be completed...

read more...